Naturgesetze

familieDie in diesem Beitrag gewählten Beispiele sind weder menschenverachtend   noch reißerisch. Sie beschreiben präzise Vorgänge aus dem menschlichen und tierischen Alltag. Die etwas deftigere Sprache ist DAS Mittel, um Verantwortungsträger hellhörig zu machen.

Familie sucht Heim

Spezialisten zu diesem Thema sind Immobilienhändler. Schönes Haus, Preis passt, dann die Fragen der potentiellen Käufer: Kindereinrichtung, Schule, Einkauf, öffentlicher Verkehr, evt. ärztl. Versorgung? Falls ja, gekauft. Nein oder teilweise nein bringt neue Fragen. „Wo sind denn Schule und/oder Einkaufsmöglichkeiten? Und dort haben Sie kein vergleichbares Objekt?“ Vielleicht, aber deutlich teurer. Ab 5 Kilometern Radius zu den Grundinfrastrukturen wird es für Immobilienhändler sehr schwierig, Familien als Käufer zu gewinnen.  Überprüfbar in allen einschlägigen Inseraten anhand der Argumente mit Zielgruppe Familie und im persönlichen Gespräch.

Katze wandert aus

Nachdem sie von ihren Besitzern 2 Wochen lang mangelhaft gefüttert worden ist, wurde Katze Mizi etwa 800 Meter entfernt mit knurrendem Magen fündig. Lecker essen. Immer was da, aber keine Streicheleinheiten.  Also hin, essen und wieder zurück, Streicheleinheiten. Nach zwei Wochen hatte sie die Lauferei satt, suchte sich einen tollen Schlafplatz in der Nähe des Fressnapfes. Das mit den Streicheleinheiten wird auch noch kommen, sagt sich Mizi. Die Besitzerin jammert: „Mizi ist weg, sie fehlt mir, wenn sie nur wieder zurückkommt.“ Katzen sind nicht blöd.

Privatisierte Mobilität

Ekleinbuss gibt Leute in relativ gut bezahlten Jobs, welche zwei Autos als Familienstandard betrachten. Mit diesem Hintergrund machen sie Raumplanung, entwerfen Konzepte und schwadronieren von öffentlichem Verkehr, den sie aber noch nie benutzt haben. Sonst wüssten sie, dass dieser schon längst nicht mehr Bedürfnis gerecht vorhanden ist. Sie beschweren sich jedoch über die schlechte Auslastung der Fahrzeuge, streichen weitere Verbindungen, erfinden den Rufbus. DAS Defizitgeschäft schlechthin.

Realitätsfremde Planungskonzepte von oben hatten schon immer das größte Potential,  fulminant zu scheitern.

Wegschauen erspart Gewissenskonflikte

Die eigenen Zahlen, die eigene Vision, das eigene Business, die politischen Vorgaben, der sichere Job. Hinschauen, vergleichen? Nur das nicht, das schafft Konflikte. Sonst müsste man sich in Sachsen-Anhalt ja  mit  folgender Thematik auseinandersetzen: Bereits vor der Wende hatte sich auf Grund der Schaffung riesiger POS-Schulen (welche für die damalige Zeit fachlich gute Schulen waren) und der damit verbundenen Auflösung von Hunderten von Grundschulen in umliegenden Dörfern ein nicht mehr kontrollierbarer Wandel in der Bevölkerungsstruktur der entschulten Dörfer ergeben. Festgehalten ist dies ab 1985 in mehreren Berichten der Stasi und ministerialer Fachgruppen an den Staatsrat der DDR.

Seit 10 Jahren erweitern wir diese Radien erneut. 2005 die Sekundarschulen, jetzt Grundschulen. Nicht wenige der zu schließenden Grundschulen sind ehemalige POS-Standorte. Dasselbe Spiel, eine Nummer größer – die Folgen werden identisch sein.

Türkei als 1:1 Beispiel

Ab 1998 wurden landesweit Schulzentren eingeführt, Dorfschulen geschlossen. SANYO DIGITAL CAMERASchulradius max. 20 Kilometer. Jedes Dorf hat einen oder mehrere Kleinbusse, mit welchen die Kinder auf direktem Wege zur Schule gefahren werden. Fahrzeit höchstens 30 Minuten.

Die ehemals stabilen Dörfer haben in der Zwischenzeit  15 -20% Einwohner verloren, der Altersdurchschnitt ist um beinahe 15 Jahre gestiegen. Grund, Abwanderung der jungen Familien und null Zuzug. Die Schulqualität ist übrigens extrem gesunken. Erklärungsversuche der Lehrkräfte: Fehlende Einbindung der Eltern, emotionale Überforderung der Kinder.

„Mobile Versorgung“ ist die Vorstufe der endgültigen Abwicklung

Wir sprechen jetzt nicht von  finnischen, australischen, kanadischen Streusiedlungen, wo diese Versorgung durchaus Sinn macht. Wir sprechen von kompakten Dörfern.

Zum Thema Grundversorgung gehört und gelesen: „Es kommt ja der Bäcker, der Fleischer, der mobile Frischmarkt. Es ist doch alles da. Man kann nicht alles haben.“

Diese Verarschung  ist geschmacklos. Junge Familien haben nun mal nicht die Zeit, montags oder donnerstags 30 Minuten auf einen mobilen Händler zu warten, der dann das bringt, was sie nicht brauchen. DAS ist das alleinige Privileg der verbliebenen Rentner im Ort. Die haben genügend Zeit und zwei Tage später kommt dann auch das Gewünschte.

Der letzte Schritt, die Abkoppelung von jeglicher Grundversorgung

Wenn dann die kritische Größe erreicht ist, muss der Staat gar nichts mehr machen, die freie Marktwirtschaft vollzieht den letzten Schritt. Der fahrende Händler kommt spätestens dann nicht mehr, wenn die Treibstoffkosten mehr als 5% seines Umsatzes betragen. Damit wäre dann der endgültige Strukturwandel vollzogen.

Ein Strukturwandel durch gezielte oder fahrlässige Vernichtung von Infrastrukturen sowie Tilgung regionaler Kultur und Eigenständigkeit. DAS in einem Bundesland, welches sein Tourismusprofil ausgerechnet auf Kultur, Geschichte und Natur  trimmt und damit auch noch Geld verdienen will… Unesco-Sehenswürdigkeiten als potemkinsche Dörfer. Willkommen in Hollywood.

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