Nahversorgung: Wenn Politik erpressbar wird

einkaufswagenEin Klein-Discounter, der sich  mit der Region und den ländlichen Produzenten solidarisiert,   ist auf der Suche nach neuen Standorten. Hier das Anforderungsprofil.

  • Einwohner im Kernort: ab 2.500
  • Einwohner im Einzugsgebiet: ab 5.000
  • Grundstückgröße (m²): 3.000-5.000
  • Verkaufsfläche (m²): 600-850

Haben wir das im ländlichen Raum? Natürlich nicht. Selbst wenn wir es hätten: 3000- 5000 Quadratmeter als zusammenhängendes Grundstück findet sich höchstens in Ortsrandlage. Fußläufig , mit shuttle oder öffentlichem Verkehr erreichbar? Fehlanzeige. Das alles ist einige Nummern zu groß  für das, was den Namen Nahversorgung verdient.

Seltsam

Aschersleben, 28 000 Einwohner. 13 Lebensmitteldiscounter, 2 riesige Lebensmittel- Supermärkte, ein weiterer Discounter wurde soeben bewilligt (auf dessen Konzept im nächsten Beitrag noch einzugehen ist). Geschätzte Total-Verkaufsfläche mindestens  25 000 m2.

Nach Anforderungsprofil in der Einleitung hätten wir es also mit einer Kernort-Kennziffer von 62 500 Einwohnern und einem Regionalpotential von 130 000 Personen zu tun. Das Regionale können wir gleich vergessen, denn 11 Kilometer östlich im nächsten Ort mit ca.2000 Einwohnern konkurrieren sich schon drei Lebensmitteldiscounter mit gut und gerne 3 500 m2 Verkaufsfläche.

15 Kilometer südlich liegt Hettstedt,  Kernort 14 000 Einwohner, 8 Lebensmitteldiscounter, einer davon mit über 5000 m2 Verkaufsfläche. Total auch hier ca 12000 m2 Verkaufsfläche.

Es besteht also ein klares Überangebot an Verkaufsflächen.

 Strategisch klug abfischen

Wie passiert das? Natürlich in der Peripherie, an den Ausfallstrassen. Das funktioniert auch recht gut, so lange nicht ein Konkurrent in unmittelbarer Nähe auftaucht, oder im Nachbarort mit 3000 Einwohnern in Ortsrandlage an der Hauptstrasse auch wieder einen 1500m2-Laden hinstellt.

Das Spiel geht weiter. Neuer Investor oder Kette verspricht Arbeitsplätze, Stadt will Arbeitsplätze und bewilligt Standorte trotz bereits bestehendem Überangebot. Stadtkern verödet, Senioren kriegen Probleme, überhaupt noch einkaufen zu können. Verdrängungswettbewerb im Bemühen um max. Großeinkauf und entsprechende Preisvorteile. Dann Dauerkampagnen, um sich gegenseitig Kunden abzujagen. 500 g  Prospekte pro Wochenende sagen alles.

Staatliche Planung spielt mit…

Dieses Überangebot will nun geschützt sein. Eine feingliedrigere Grundversorgung brächte diese Blase zum Platzen. So wie bei den Baumärkten. Reihenweise werden sie derzeit geschlossen. Im ländlichen Raum wird nicht mehr investiert.  Sie sind der erste Indikator für das, was sich auch bei den Lebensmittelverteilern abzeichnen wird. Noch ist es nicht so weit.

Denn: Ein weiteres Argument der Lebensmittelverteiler ist auch folgender Köder: Kriegen wir diese oder jene Standort-Bewilligung könnte es auch sein, dass wir in absehbarer Zeit ein Logistikzentrum errichten, welches dann noch viel mehr Arbeitsplätze schaffen würde. Wer macht jetzt eigentlich Raumplanung  und wer führt aus?

Die Raumplanung wird neu aufgegleist. Immer noch mit dem Prinzip der „Zentralen Orte“.  Was für die Ansiedlung von Verwaltung, medizinischer Fachversorgung etc. noch Sinn machen kann, ist im Bereich Grundversorgung schon längst aus den Fugen geraten. Wenn Senioren ohne Familie und eigenes Auto mit Bus oder Bürgerservice bis zu 20 Kilometern in den nächsten zentralen Ort gefahren werden, weil nur dort Lebensmittelverteiler sind, dann ist die Sache aus dem Ruder gelaufen.

Die Leute sollen zum Angebot und nicht das Angebot zu den Menschen, ist die sich daraus ergebende Konsequenz. Mit dem gegenwärtigen Konzept soll erneut Regen von unten nach oben fallen. Das wird er nicht.

….oder korrigiert massiv

Es gibt Bundesländer und viele  mitteleuropäische Staaten, welche neu oder schon seit Jahren auf völlig andere Nahversorgungskonzepte setzen und damit erfolgreich sind. Bisher suchen wir solche Modelle in Sachsen-Anhalt vergeblich und es wird spannend sein, zu hören, was gegen das Konzept spricht, welches im nächsten Beitrag vorgestellt wird.

Politik ist gefordert

Das wird nicht ohne neue staatliche Leitlinien gehen, zu übersättigt ist die gegenwärtige zentralisierte Versorgungsstruktur. Grundversorgung ist jedoch ein Auftrag, den der Staat planerisch zu erfüllen hat.

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