Blick in die Zukunft

schielo_A0058Wir biegen ab von der Harzhochstraße und begegnen gleich beim Einbiegen auf die asphaltierte Nebenstraße einer Hinweistafel: Kein Winterdienst! Aha, also nix los im Winter? Einer offiziellen Schneeräumung nicht würdig?

Schön gelegen taucht es auf, das Dorf. Bunte Häuser, auch neuerer Bauart. Gepflegtes Straßenbild, mehrere kleine, begrünte  Plätze mit Holzbänken und Tischen, sauber, aber keine Menschen. Doch, eine Frau um die 70 schiebt ihr Fahrrad zum Hofeingang, am Lenker eine volle Tasche. „Ja ich war einkaufen, vorne, bei der Tankstelle, ein Laden da gibt es alles. Noch….“, fügt sie in resignierendem Ton an.

Wieviele Menschen leben hier? „Es werden etwa um die 350-400 Personen sein, vor 7 Jahren waren es noch über 500“.  Also beinahe mehr Häuser als Menschen? „Ja und davon die Hälfte über 50.  Wir haben dieses Jahr noch zwei Kinder, welche eingeschult wurden. 6 Kilometer entfernt, da gibt es noch eine Grund- und eine Sekundarschule. Ob diese Bestand hat, wird sich zeigen. Nachher geht es quer durch den Harz ins Gymnasium. Mehr als eine Stunde hin, und ebenso lange zurück, im Winter ist es besonders schlimm.“

Ein normaler Aderlass? „Nein. Alles begann, als man in den 60-er Jahren die Schule geschlossen hat. Wer schickt schon sein Kind 6 Kilometer über einen Feldweg zur Schule? Wir hatten doch alles:  Arbeit, Sportverein, Bürgerhaus und etwas außerhalb die Klinik. Mit dem Wegzug der Schule fehlten immer mehr die jungen Familien. Nach der Wende dann der Exodus auf der Suche nach Arbeitsplätzen. Hätten wir nicht noch die Klinik, hier würden wohl bald die Lichter ausgehen. Wir werden so schon immer weniger.“schielo_A0754

Ein Gang durch das Dorf, die herrliche Rondelle, mit Sitzplätzen und den  alten Bäumen. Was wurde hier wohl alles verhandelt, auf den Weg gebracht? Wer nutzt das heute noch?

schielo_A0755Die wunderschön restaurierte Fassade und sicherlich verbirgt sich dahinter auch moderner Wohnraum. Wer mag da wohnen? Eine Familie mit Kindern? Ein älteres Ehepaar? Ein beeindruckendes Zeugnis, wie damals in dieser Gegend gebaut wurde.

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In unmittelbarer Nähe hat sich die Natur des Hauses Nr. 15 bemächtigt. Wie es scheint, ist der Kampf entschieden. Keine Restauration, keine Familie, schleichender Zerfall, der Zaun wird bereits eins mit der Natur, das Nebengelass ist überwuchert.Wer hält dagegen und mit welchen Mitteln? Es gibt mehrere Häuser im Zustand von Nr.15.

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Das Sportlerheim: Es erzählt von vergangenen Zeiten, Traditionen, rauschenden Festen. Noch steht alles da, die kleine Freibühne mit Tanzfläche, die gedeckten Sitzplätze, das große Buffet und daneben das Sportlerheim mit sicher 150 Plätzen in Restaurantbestuhlung. Was muss da los gewesen sein!

schielo_A0777Fehlt noch das Bürgerhaus. Ein langes, gepflegtes Gebäude. Früher als Restaurant genutzt, jetzt scheinbar nur noch für private Anlässe geöffnet. Ein unterteilbarer Saal, nutzbar für sicher 300 Leute.

Der Rundgang endet mit einer Fahrt um das Dorf. Oben am Hang der Friedhof. Sehr gepflegt mit herausgeputzter Kapelle.  Wir kommen zurück zum Bürgerhaus, gegenüber die Tankstelle, dazugehörig ein spezieller Markt. Was es da alles gibt auf 70 Quadratmetern! Vollsortiment. Das 250g Yoghurt 39 Cent, wie bei Penny oder Netto. DAS Rüschielo_A0762ckgrat des Ortes. DAS, was noch Leben und Begegnung garantiert.  DER Treffpunkt, an dem man auch noch einen Kaffee oder ein Bierchen trinken und sich unterhalten kann. DER Fixpunkt neben all den Infrastrukturen, die schielo_A0763inzwischen musealen Charakter haben, darauf warten, zu neuem Leben erweckt zu werden.  Wird dieser Laden als Zukunftsbaustein des Ortes reichen? Oder ist er ein Rettungsanker für die noch hier Lebenden – so lange bis sie nicht mehr da sein werden?

Das Dorf? Besucht im September 2014. Es existiert, sein Name ist unwichtig.  Würde ich ihn nennen, schade ich dem Ort und den Einwohnern, denn eigentlich ist er zukunftsfähig. Fahre in einem Radius von 15 Kilometern von deinem Wohnort durch die Dörfer. Halte an. Mach dich auf Spurensuche. Du hast das Dorf, von dem ich erzählt habe, gefunden. Mehrfach. Es trägt nur einen anderen Namen. Die Geschichte ist dieselbe: Zwei einschneidende Ereignisse: Grundschule weg in den 70-er Jahren, Arbeitslosigkeit in den 90-er Jahren.

Die Wiederholung desselben Fehlers

Heute gibt es Dörfer, die erleben das, was in den 70-er Jahren mit dem obigen Dorf passiert ist, aktuell am eigenen Leibe. Sie verlieren ihre Grundschule. Ein neuer Kreislauf der Entvölkerung beginnt, wetten? Dieses Gesetz lässt sich nicht umkehren.

Nun werden welche kommen, die mitleidig lächelnd abwiegeln: „Ja ja, erzähl weiter von deinen Dörfern, alles Nostalgie. Das war mal so, diese Zeiten sind vorbei.“

Ihnen kann man antworten: „Ja,  Nostalgie, aber nur für Leute, welche in der Überzeugung handeln,  Regen falle von unten nach oben.“ Naturgesetze lassen sich jedoch nicht einfach so umkehren, Freunde!

Verantwortungsbewusste und weitsichtige Politik hat längst erkannt, welchen Wert Dörfer wie das oben beschriebene haben. Wirtschaftlich, sozial, regional und kulturell. Seit über 10 Jahren beginnen gewisse Politiker aktiv zu reagieren, andere haben neu begonnen. Aber sie handeln.  Gut, dort fällt aber der Regen auch von oben nach unten, das muss wohl der Unterschied sein.

Weshalb das weltweit so ist, auch in Sachsen-Anhalt,  wird Thema der folgenden Beiträge sein.

1 Kommentar auf “Blick in die Zukunft

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